Es herrscht Konsens, dass der Förderung der Informationskompetenz bei Schülerinnen und Schülern sowie bei Studierenden viel mehr Gewicht beigemessen werden sollte. Uneinig ist man sich, wer fördern soll. Hochschulen verweisen darauf, dass das Sache der Gymnasien sei. Gymnasien bestreiten das nicht - doch wer genau soll jetzt fördern? Der Informatiklehrer? Die Deutschlehrerin? Bibliothekarinnen und Bibliothekare ihrerseits wären als Informationsspezialisten prädestiniert dafür und viele von ihnen würden die Aufgabe gerne übernehmen. Doch sind sie zu weit weg von der Lehre und/oder haben keinen entsprechenden Auftrag erhalten.
Und wie sieht es mit der Informationskompetenz der Lehrpersonen und Dozierenden aus? Interessant dabei ist die sinngemässe Aussage von Samuel Weibel von der Hochschule der Künste, Bern:
»Es wäre schon mal gut, wenn wir die Informationskompetenz der Dozierenden wenigstens auf das Niveau der Studierenden anheben könnten.«Wollen die Schulen und Hochschulen sich also nicht hinsichtlich der Informationskompetenz engagieren, weil sie es nicht können? Fazit: Hochschulen und Gymnasien können oder wollen die Informationskompetenz nicht fördern, Bibliotheken möchten und können, dürfen aber oft nicht.
Analog lässt sich das Vorgehen gegen Plagiate zusammenfassen: Hochschulen und Schulen versuchen das Problem mit dem Einsatz von Plagiatserkennungssoftware zu umschiffen, Bibliotheken würden das Problem lieber bei der Wurzel packen und Studierende sensibilisieren. Selbstverständlich gibt es immer Ausnahmen und die Meinungen sind heterogener, als dies meine grobe Einschätzung wiedergibt.
Eine schöne Ausnahme betreffend Informationskompetenz ist der Ansatz der Hochschule Ansbach. Nicht nur ist es der dortigen Bibliothek gelungen, mit für viele Studiengänge verpflichtenden Lehrveranstaltungen zur Förderung der Informationskompetenz in die Lehre vorzustossen, sondern es ist ihr auch gelungen, sich vom Bibliotheks-Fokus zu lösen und die Informationskompetenz breiter zu betrachten als Einführungen in Fachdatenbanken und Bibliothekskatalogen.
Allerdings kenne ich bislang keinen Ansatz zur Förderung der Informationskompetenz, bei dem die Wikipedia ein ausdrückliches Thema ist (Beispiele nehme ich sehr gerne entgegen). Ich hatte an der Tagung Gelegenheit, mit meinem Referat zum Thema "Glaubwürdigkeit von Wikipedia-Inhalten: Bibliotheken sind gefragt" (schriftlicher Beitrag als PDF, die Folien sollten demnächst auf der Tagungswebsite aufgeschalten werden) die Wikipedia einzubringen. Wikipedia ist die häufigst genutzte textbasierte Informationsseite und als solche wohl Herkunft der meisten Plagiate. Der Fokus meiner Ausführungen lag bei Sensibilisierungsmassnahmen für Schülerinnen und Studierende. Nicht angesprochen habe ich Möglichkeiten der Lehrenden, ihre Arbeitsaufträge den Zeiten von Wikipedia & Co. anzupassen. Traditionelle Aufträge zur Sammlung von Informationen scheinen mir heute weniger wichtiger. Wichtiger wäre es, mit den Informationen etwas spannendes zu tun. Ein konkretes Beispiel (Didaktiker könnten bestimmt viel bessere Ideen entwickeln als ich): Der Auftrag "Schreibe eine Arbeit über Napoleons Russlandfeldzug" könnte ersetzt werden durch "Schreibe eine fiktive Geschichte eines Schweizers, der am Russlandfeldzug teilgenommen hat, basierend auf dem tatsächlichen historischen Hintergrund". Damit müssten Schülerinnen und Schüler zwar noch immer recherchieren, resp. sie müssten nun zwingend recherchieren, denn ohne Kenntnis des geschichtlichen Hintergrundes lässt sich die fiktive Geschichte nicht schreiben. Aber ein Plagiat aus der Wikipedia wäre sehr viel schwieriger.
Und wer soll nun Informationskompetenz fördern? Ich denke auch, dass das primär Aufgabe der obligatorischen Schulen und der Gymnasien ist, nicht der Hochschulen. Und ich bin überzeugt, dass die Informationskompetenz am besten von informationskompetenten Spezialistinnen und Spezialisten in einem eigenen Fach Informationskompetenz gefördert werden kann.
Für eine detailliertere und neutralere Zusammenfassung der Tagungsinhalte verweise ich auf das Blog von Hans-Dieter Zimmermann.
Update: Die PowerPoint-Präsentationen der Referate sind jetzt online.