9.9.09

Informationskompetenz, Plagiate und Wikipedia

Vom 6.-9. September 2009 fand in Chur die Tagung "Die Lernende Bibliothek" statt. Thematischer Schwerpunkt war die Informationskompetenz und hierbei vor allem die Plagiatsproblematik. Mein subjektiver Eindruck nach der ausgesprochen umsichtig organisierten Tagung:

Es herrscht Konsens, dass der Förderung der Informationskompetenz bei Schülerinnen und Schülern sowie bei Studierenden viel mehr Gewicht beigemessen werden sollte. Uneinig ist man sich, wer fördern soll. Hochschulen verweisen darauf, dass das Sache der Gymnasien sei. Gymnasien bestreiten das nicht - doch wer genau soll jetzt fördern? Der Informatiklehrer? Die Deutschlehrerin? Bibliothekarinnen und Bibliothekare ihrerseits wären als Informationsspezialisten prädestiniert dafür und viele von ihnen würden die Aufgabe gerne übernehmen. Doch sind sie zu weit weg von der Lehre und/oder haben keinen entsprechenden Auftrag erhalten.

Und wie sieht es mit der Informationskompetenz der Lehrpersonen und Dozierenden aus? Interessant dabei ist die sinngemässe Aussage von Samuel Weibel von der Hochschule der Künste, Bern:
»Es wäre schon mal gut, wenn wir die Informationskompetenz der Dozierenden wenigstens auf das Niveau der Studierenden anheben könnten.«
Wollen die Schulen und Hochschulen sich also nicht hinsichtlich der Informationskompetenz engagieren, weil sie es nicht können? Fazit: Hochschulen und Gymnasien können oder wollen die Informationskompetenz nicht fördern, Bibliotheken möchten und können, dürfen aber oft nicht.

Analog lässt sich das Vorgehen gegen Plagiate zusammenfassen: Hochschulen und Schulen versuchen das Problem mit dem Einsatz von Plagiatserkennungssoftware zu umschiffen, Bibliotheken würden das Problem lieber bei der Wurzel packen und Studierende sensibilisieren. Selbstverständlich gibt es immer Ausnahmen und die Meinungen sind heterogener, als dies meine grobe Einschätzung wiedergibt.

Eine schöne Ausnahme betreffend Informationskompetenz ist der Ansatz der Hochschule Ansbach. Nicht nur ist es der dortigen Bibliothek gelungen, mit für viele Studiengänge verpflichtenden Lehrveranstaltungen zur Förderung der Informationskompetenz in die Lehre vorzustossen, sondern es ist ihr auch gelungen, sich vom Bibliotheks-Fokus zu lösen und die Informationskompetenz breiter zu betrachten als Einführungen in Fachdatenbanken und Bibliothekskatalogen.

Allerdings kenne ich bislang keinen Ansatz zur Förderung der Informationskompetenz, bei dem die Wikipedia ein ausdrückliches Thema ist (Beispiele nehme ich sehr gerne entgegen). Ich hatte an der Tagung Gelegenheit, mit meinem Referat zum Thema "Glaubwürdigkeit von Wikipedia-Inhalten: Bibliotheken sind gefragt" (schriftlicher Beitrag als PDF, die Folien sollten demnächst auf der Tagungswebsite aufgeschalten werden) die Wikipedia einzubringen. Wikipedia ist die häufigst genutzte textbasierte Informationsseite und als solche wohl Herkunft der meisten Plagiate. Der Fokus meiner Ausführungen lag bei Sensibilisierungsmassnahmen für Schülerinnen und Studierende. Nicht angesprochen habe ich Möglichkeiten der Lehrenden, ihre Arbeitsaufträge den Zeiten von Wikipedia & Co. anzupassen. Traditionelle Aufträge zur Sammlung von Informationen scheinen mir heute weniger wichtiger. Wichtiger wäre es, mit den Informationen etwas spannendes zu tun. Ein konkretes Beispiel (Didaktiker könnten bestimmt viel bessere Ideen entwickeln als ich): Der Auftrag "Schreibe eine Arbeit über Napoleons Russlandfeldzug" könnte ersetzt werden durch "Schreibe eine fiktive Geschichte eines Schweizers, der am Russlandfeldzug teilgenommen hat, basierend auf dem tatsächlichen historischen Hintergrund". Damit müssten Schülerinnen und Schüler zwar noch immer recherchieren, resp. sie müssten nun zwingend recherchieren, denn ohne Kenntnis des geschichtlichen Hintergrundes lässt sich die fiktive Geschichte nicht schreiben. Aber ein Plagiat aus der Wikipedia wäre sehr viel schwieriger.

Und wer soll nun Informationskompetenz fördern? Ich denke auch, dass das primär Aufgabe der obligatorischen Schulen und der Gymnasien ist, nicht der Hochschulen. Und ich bin überzeugt, dass die Informationskompetenz am besten von informationskompetenten Spezialistinnen und Spezialisten in einem eigenen Fach Informationskompetenz gefördert werden kann.

Für eine detailliertere und neutralere Zusammenfassung der Tagungsinhalte verweise ich auf das Blog von Hans-Dieter Zimmermann.

Update: Die PowerPoint-Präsentationen der Referate sind jetzt online.

31.8.09

Seminarveranstaltung zur Wikipedia an schwedischer Universität

Heute beginnt an der schwedischen Mittuniversitetet (Mid Sweden University) ein Semesterkurs über die Wikipedia. Statt die Nutzung der Wikipedia zu verbieten, will Dozent Magnus Eriksson in der Veranstaltung "Wikipedia - writing, reliability and technology" zeigen, wie die Wikipedia sinnvoll genutzt, und wie man selbst in der Wikipedia Inhalte einpflegen kann. Als Grundlage dient das Buch "Så fungerar Wikipedia" (Wie die Wikipedia funktioniert) von Lennart Guldbrandsson, dem Präsidenten des schwedischen Wikimedia Chapters.

Aus der Schweiz kennen wir mindestens drei ähnliche universitäre Veranstaltungen: 2007 führte der Basler Historiker Peter Haber den Kurs "Schreiben für Wikipedia. Eine medienpraktische Einführung mit theoretischen Bezügen." durch. 2008 gab es gleich zwei Kurse an der Universität Basel, die Veranstaltung "Africa in Wikipedia" von Gregor Dobler am ethnologischen Seminar sowie "Wikipedistik", wiederum von Peter Haber.

30.8.09

Erster Wikipedia-Kurs für Bibliothekarinnen und Bibliothekare

Auf Anfrage der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken führten wir (das Zentrum für Bildungsinformatik der PHBern) am 15. März 2007 zum ersten Mal einen ganztägigen Kurs zu Social Software durch. Die lange Warteliste ergab einen zweiten Kurs und weitere Wartelisten führten zu einer ganzen Liste Wiederholungs- und Fortsetzungskursen für Bibliothekarinnen und Bibliothekaren. Immer auch ein Thema war die Wikipedia.

Am 27. August 2009 nun führten wir zum ersten Mal einen ganztägigen Kurs zur Wikipedia durch. Bereits bei der Konzeptionierung des Kurses wurde klar: Der zeitliche Umfang des Kurses ist definitiv nicht zu lange. Ein ganzer Tag klingt komfortabel, viele für Bibliothekarinnen und Bibliothekare wertvolle Informationen zur Wikipedia blieben aus zeitlichen Gründen aber doch auf der Strecke.

Das Interesse der Teilnehmenden an der Wikipedia war sehr erfreulich und zeigt, dass Bibliotheken längst über den Tellerrand von Bibliothekskatalog und Fachdatenbanken hinausschauen. Ich bin überzeugt, dass ihnen als Informationsprofis künftig zur Steigerung der Informationskompetenz eine wichtige Rolle zukommen könnte. Und die Wikipedia ist da ein wichtiger Bestandteil des Inhaltes.

29.8.09

Akademische Wikipedia? (2)

Die Bezüge von Peter Haber und Klaus Graf auf meinen vorherigen Beitrag lassen vermuten, dass dieser zuwenig präzis und differenziert war. Ich unternehme einen zweiten Versuch.

Ich stimme sowohl mit Peter Haber als auch mit Klauf Graf überein und finde beide Ausführungen inhaltlich sehr spannend. Wie sie, denke ich auch, dass sich die akademische und "öffentliche" Welt überschneiden, zuweilen gar vermischen. In der Wikipedia wird das ganz besonders deutlich. Ich zweifle aber, dass ein Dienst auf das Zielpublikum Akademie und gleichzeitig auf das Zielpublikum Öffentlichkeit fokussieren kann. Die Wikipedia ist auf letzteres ausgerichtet. Deshalb finde ich es nur bedingt sinnvoll, Überlegungen anzustrengen, wie man das Zielpublikum Akademie besser bedienen kann. Die vorsichtige Formulierung "nur bedingt" soll den Fällen gerecht werden, wo Verbesserungen am System Wikipedia beiden Zielgruppen dienen würden, resp. wenigstens einer und der anderen nicht schädlich wäre. Würden die Wikipedia-Autoren beispielsweise einer Identitätskontrolle unterzogen, wäre das möglicherweise dem Zielpublikum Akademie dienlich, dem Zielpublikum Öffentlichkeit hingegen wohl eher schädlich, da sich deutlich weniger Autoren beteiligen würden. Für die Sprache gilt ähnliches. In der Wikipedia sollten Fachbegriffe erklärt werden, damit der Inhalt möglichst leicht verständlich ist. Für den Akademiker ist das mitunter eher hinderlich, da er sich durch einen längeren Text durchwälzen muss, um die für ihn relevanten Informationen zu finden. Deshalb plädiere ich für getrennte, aber durchaus durchlässige Systeme: Eines, das sich auf die Öffentlichkeit konzentriert und ein anderes, das auf die akademische Welt fokussiert. Dann müssten sich die beiden Systeme nicht Gedanken machen, wie sie näher zum Zielpublium des anderen Systemes rücken könnten.

Im Prinzip wären vermutlich gar mehr als zwei Systeme notwendig. Die englischsprachige Wikipedia gibt es ja bereits doppelt: Die "normale" Version für die breite Öffentlichkeit und die Version "Simple English" für ein jüngeres oder weniger gut gebildetes Publikum.

Es wäre aber in der Tat interessant, sich mal Gedanken zu machen, wie die optimale Ausgestaltung des Systems Wikipedia aussehen würde, wenn es sowohl der akademischen Welt als auch der breiten Öffentlichkeit in möglichst grösstem Ausmass dienlich sein sollte, allerdings im Zweifelsfall immer auf die Zielgruppe Öffentlichkeit fokussiert.

Akademische Wikipedia?

Peter Haber war am Donnerstag in einem sehr hörenswerten längeren Gespräch auf Radio DRS 2 zu hören. Er gab fundiert und überlegt Auskunft zu Fragen rund um Wissenschaft (mit Schwerpunkt Geschichtswissenschaft) und Wikipedia. Dazu gibt es jede Menge spannende Fragen, besonders zur sinnvollen Nutzung der Wikipedia. Peter Haber brachte es mit einer schönen Aussage auf den Punkt. Hier sinngemäss seine Worte:
»Wikipedia ist als Einstieg in einen Rechercheprozess sehr geeignet. Unklar ist, wann man aussteigen soll.«
Etwas schade, dass das Gespräch dann abschweifte zum leidigen Thema, wie wissenschaftlich die Wikipedia ist. Da wird meiner Meinung nach versucht, zwei Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammen passen und bei denen es auch keinen Sinn machen würde, sie zusammenzubringen. Auch wenn beispielsweise die Wikipedia künftig Identitätskontrollen der Autoren durchführen und die Klarnamen der Autoren nennen würde: Die Wikipedia wäre noch immer nicht wissenschaftlich. Das kann sie fast per Definition nicht sein. Sie ist eine Enzyklopädie und sammelt als solche gesicherte (wenigstens gemäss aktuellem Wissensstand) Informationen. Sämtliche Informationen müssen an anderen Orten publiziert oder sonstwie nachprüfbar sein. Wikipedia ist ein Dienst für die Öffentlichkeit, kein Dienst primär für Akademiker. Wir sollten die Welt der Wissenschaft und die Welt der Öffentlichkeit deutlich auseinanderhalten. Ich glaube auch nicht, dass Fachlexika wie beispielsweise das Historische Lexikon der Schweiz einen Beitrag leisten können, die beiden Welten zusammenzuführen. Letzlich sind auch solche Fachlexika, die nach klar wissenschaftlicheren Prinzipien funktionieren, für wissenschaftliche Zwecke bloss für den Einstieg sinnvoll nutzbar. Ich gehe deshalb auch nicht mit Peter Haber einig, dass sich vertikale Fachlexika durchsetzen werden und horizontale Nachschlagewerke wie die Wikipedia es nicht schaffen werden, das "Wissen der Welt" zu sammeln. Wir werden sehen ;-)

Interessant hingegen ist der Gedanke, einen ähnlichen Dienst wie die Wikipedia für die Wissenschaft aufzubauen. Das sehe ich aber nicht realistisch, solange die Wissenschaft gemäss dem Prinzip Publish or Perish funktioniert. Sollten einmal die Leistungen des einzelnen Wissenschaftlers weniger im Zentrum stehen, liesse sich ein kollaboratives Web-Projekt für die Wissenschaft gewinnbringend für alle etablieren.

Das Gespräch mit Peter Haber kann hier angehört oder heruntergeladen werden.

15.6.09

Wikibu: Hinweise zur Verlässlichkeit von Wikipedia-Artikeln

Anfangs Juni hat unser Team vom Zentrum für Bildungsinformatik der Pädagogischen Hochschule Bern einen Prototypen von Wikibu im Internet veröffentlicht. Einige Kolleginnen und Kollegen haben bereits darüber gebloggt oder getwittert. Gerne füge ich hier noch einige Gedanken an.

Primärer Zweck von Wikibu ist die Sensibilisierung von Schülerinnen und Schülern sowie von Studierenden für eine überlegte Nutzung der Wikipedia. Wikibu versucht das mit verschiedenen Mitteln:
  • Die Wikibu-Punkte sollen einen ersten groben Hinweis bezüglich der Verlässlichkeit eines Wikipedia-Artikels geben. Die Wikibu-Punkte basieren ausschliesslich auf statistischen Kriterien und bilden entsprechend nur Wahrscheinlichkeiten ab. Sie sind vergleichbar mit Vorsicht-Wildwechsel-Schildern. An Stellen mit solcher Beschilderung besteht erhöhte Gefahr, dass z.B. ein Reh vors Auto springt. Das muss aber nicht zwingend der Fall sein und es garantiert auch nicht, dass an Stellen ohne Schild kein Reh vors Auto springen wird.
  • Die Wikibu-Kriterien wie Anzahl Besucher oder Anzahl Einzelnachweise (relativ zur Länge des Artikels) sollen Ideen liefern, wie Besucher der Wikipedia selbst die Inhalte kritisch bewerten können.
  • Warnhinweise sollen animieren, Meta-Informationen der Wikipedia wie die Diskussionsseiten und Versionsgeschichten in die kritische Artikel-Prüfung miteinzubeziehen. Sie machen auf aktuelle Diskussionen oder Änderungen aufmerksam.
  • Ein konkretes Unterrichtsszenario soll aufzeigen, wie Informationskompetenz bezüglich Wikipedia in der Schule gefördert werden kann und welche Rolle Wikibu dabei spielen kann.
Die Wikibu-Punkte sollen nun wissenschaftlich erhärtet werden. Knackpunkt hier dürften Artikel zu Nischenthemen sein, die von einem spezialisierten Experten verfasst worden sind. Wir vermuten, dass solche Artikel derzeit noch zu schlecht bewertet werden. Aber lieber ein Wildwechsel-Schild zu viel als zu wenig.

29.3.09

Neuer Vorstand für Wikimedia CH

An der gestrigen Mitgliederversammlung von Wikimedia CH in der Schweizerischen Nationalbibliothek interessierten vor allem die Vorstandswahlen. Die Ausgangslage war spannend: Mit Michael Bimmler, Robin Schwab und mir stellten sich drei der vier bisherigen deutschschweizer und der gesamthaft sechs Vorstandsmitglieder nicht mehr zur Verfügung. Konnten im Vorjahr nur sechs der sieben Pätze besetzt werden, kandidierten diesmal 10 Mitglieder für den Vorstand, vier davon für das Präsidialamt.

Zuerst bestimmten die Anwesenden, wie viele Plätze im Vorstand besetzt werden sollen. Statutarisch möglich sind 5-7, die Anwesenden entschieden sich für 6. Aufgrund der vielen Bewerber für das Präsidialamt zog Mourad Ben Abdallah während der Stimmenauszählung für die Vorstandswahl seine Präsidentschaftkandidatur zurück. Wenig später lag das Ergebnis der Vorstandswahlen vor. Gewählt sind
  • Frédéric Schütz (bisher),
  • Ludovic Péron,
  • Mourad Ben Abdallah,
  • Gion Hosang,
  • Bagawathram Maheswaran,
  • Ilario Valdelli (bisher).
Der vierte Deutschschweizer des bisherigen Vorstandes, Rupert Thurner, wurde nicht wieder gewählt. Somit besteht der Vorstand neu aus drei Romands, einem Deutschschweizer (Bagawathram Maheswaran), einem Tessiner (Ilario Valdelli) und erstmals aus einem Rätoromanen (Gion Hosang).

In einem zweiten Schritt wurde aus dem neuen Vorstand der Präsident gewählt. Da alle drei verbliebenen Präsidenschaftskandidaten die Wahl in den Vorstand verpasst hatten, bot sich die kuriose Situation, dass kein Präsidentschaftkandidat mehr übrig blieb. Mourad Ben Abdallah löste das Problem durch einen Rückzug von seinem Rückzug und wurde per Akklamation gewählt.

Der neue Vorstand tritt 60 Tage nach der Wahl sein Amt an. Ich bin überzeugt, dass die Neuen frischen Wind in die Tätigkeit von Wikimedia CH bringen und wünsche allen viel Erfolg und gutes Gelingen!