Die Bezüge von Peter Haber und Klaus Graf auf meinen vorherigen Beitrag lassen vermuten, dass dieser zuwenig präzis und differenziert war. Ich unternehme einen zweiten Versuch.
Ich stimme sowohl mit Peter Haber als auch mit Klauf Graf überein und finde beide Ausführungen inhaltlich sehr spannend. Wie sie, denke ich auch, dass sich die akademische und "öffentliche" Welt überschneiden, zuweilen gar vermischen. In der Wikipedia wird das ganz besonders deutlich. Ich zweifle aber, dass ein Dienst auf das Zielpublikum Akademie und gleichzeitig auf das Zielpublikum Öffentlichkeit fokussieren kann. Die Wikipedia ist auf letzteres ausgerichtet. Deshalb finde ich es nur bedingt sinnvoll, Überlegungen anzustrengen, wie man das Zielpublikum Akademie besser bedienen kann. Die vorsichtige Formulierung "nur bedingt" soll den Fällen gerecht werden, wo Verbesserungen am System Wikipedia beiden Zielgruppen dienen würden, resp. wenigstens einer und der anderen nicht schädlich wäre. Würden die Wikipedia-Autoren beispielsweise einer Identitätskontrolle unterzogen, wäre das möglicherweise dem Zielpublikum Akademie dienlich, dem Zielpublikum Öffentlichkeit hingegen wohl eher schädlich, da sich deutlich weniger Autoren beteiligen würden. Für die Sprache gilt ähnliches. In der Wikipedia sollten Fachbegriffe erklärt werden, damit der Inhalt möglichst leicht verständlich ist. Für den Akademiker ist das mitunter eher hinderlich, da er sich durch einen längeren Text durchwälzen muss, um die für ihn relevanten Informationen zu finden. Deshalb plädiere ich für getrennte, aber durchaus durchlässige Systeme: Eines, das sich auf die Öffentlichkeit konzentriert und ein anderes, das auf die akademische Welt fokussiert. Dann müssten sich die beiden Systeme nicht Gedanken machen, wie sie näher zum Zielpublium des anderen Systemes rücken könnten.
Im Prinzip wären vermutlich gar mehr als zwei Systeme notwendig. Die englischsprachige Wikipedia gibt es ja bereits doppelt: Die "normale" Version für die breite Öffentlichkeit und die Version "Simple English" für ein jüngeres oder weniger gut gebildetes Publikum.
Es wäre aber in der Tat interessant, sich mal Gedanken zu machen, wie die optimale Ausgestaltung des Systems Wikipedia aussehen würde, wenn es sowohl der akademischen Welt als auch der breiten Öffentlichkeit in möglichst grösstem Ausmass dienlich sein sollte, allerdings im Zweifelsfall immer auf die Zielgruppe Öffentlichkeit fokussiert.
Kommentare:
Ich kann dir leider nicht ganz zustimmen. Ich bin durchaus der Meinung, daß man Artikel in der Wikipedia schreiben kann, die sowohl ein breites Publikum verstehen, die aber andererseits das Niveau von Fachenzyklopädien erreichen. Beispielsweise ist es theoretisch machbar, das "Lexikon des Mittelalters" in der Wikipedia inhaltlich ansprechend aufzuführen.
Auf jeden Fall. Inhaltlich kann ein solcher Artikel durchaus auf einem hohen Niveau sein. Die Sprache ist nur ein Beispiel. Es dürfte aber schwierig werden, ein System aufzubauen, das beiden Zielgruppen optimal gerecht wird. Ich glaube nicht an Versuche, die in diese Richtung gehen, Stichwort Nupedia oder Citizendium.
Zumindest kann es nicht in der Form Citizendum passieren. Doch gibt es diverse Einzelprojekte, die Artikel auf einem sehr hohen Niveau hervor bringen. Problem ist derzeit eher, daß das auf einzelne Bereiche beschränkt ist. Und das nichts dauerhaft ist. Wenn ich bedenke, daß der Bereich Philosophie mal auf einem sehr guten Weg war, jetzt aber fast tot ist. Oder daß die Alte Geschichte mal recht gut da stand, heute aber hier kaum noch nennenswertes geschieht. Dafür boomt die Archäologie auf vergleichsweise hohem Niveau mit Artikeln, die jedes Fachlexikon leicht in die Tasche stecken. Ebenso bei Biologen (wiewohl hier der populäre Aspekt völlig vernachlässigt wird, so findet man beispielsweise bei Zierfischen nichts zur Haltung, was für eine umfassende Information essentiell wäre) und Medizinern.
Es gibt mehrere Probleme mit deinen Gedanken:
1) Die Wissenschaft ist auch gerade dafür da, um von einem breiten Publikum rezipiert zu werden. Bei naturwissenschaftlichen Spezialdisziplinen wird das natürlich schwerer, aber gerade die Geistes- und Geschichtswissenschaften haben nunmal einen gesellschaftlichen Auftrag und dürfen nicht im Elfenbeinturm irgendwas fabrizieren. Sie müssen ihre Ergebnisse in die Welt tragen.
2) Es liegt weiterhin im Interesse eines jeden Wissenschaftlers, dass sein Forschungsgebiet in der Wikipedia vernünftig dargestellt wird. Wer eine längere Diss schreibt und dort neue Erkenntnisse gewinnt, der sollte diese auch in die Wikipedia einbauen. Gerade da der Großteil der Menschen ihre Informationen in der Wikipedia nachschlägt, sollte man als Experte auch die neuesten Erkenntnisse dort einbauen.
@Marcus: Spannend, deine Beobachtungen. Dass die Biologie und Archäologie derzeit sehr gut funktioniert, stelle ich auch fest. Dass etliche Themengebiete der Wikipedia ein sehr hohes Niveau erreicht haben, ist offensichtlich. Ich setze Wissenschaftlich nicht gleich mit hohem Niveau, sondern mit dem System. Ein System mit anonymer Autorenschaft gilt bspw. in der Geschichtswissenschaften als unwissenschaftlich.
@Peter: Ja, und wo widerspricht das meinen Gedanken? Dein Votum würde ich sofort unterschreiben.
Nando, ich glaube wirklich, dien Ansatz ist falsch. Wikipedia schafft kein Wissen. Wir rezipieren bestehendes Wissen. Es kommt aber darauf an, auf welchem Niveau und in welcher Form wir das machen. Ein Wikipediaartikel ist nach geisteswissenschaftlicher Anschauung nicht wissenschaftlich. Richtig. Natürlich nicht. Aber der Inhalt kann dennoch auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand sein, diesen aufarbeiten. Das müssen wir tun. Und - zum Glück - wir bekommen zuletzt, so mein Gefühl, etwas mehr Zuspruch aus dem Elfenbeinturm der Geisteswissenschaftler. Zum Teil über Einzelpersonen, zum Teil durch direkte oder indirekte Zusammenarbeit mit mittlerweile namhaften Institutionen. Seit der Verleihung der Zedler-Medaille im letzten Herbst weiß ich, daß etliche Mitglieder etwa der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur sehr interessiert an der Wikipedia sind. Ich kenne einen früheren Professor der Alten Geschichte, der es richtig toll findet, wie schnell seine von ihm verfassten Artikel in der WP nachgebessert werden, er freut sich über Rückmeldungen und Verbesserungen. Das klappt über die WP meist weitaus besser als über die akademischen Wege.
Ich habe vor ein paar Wochen beim angesehenen Archäologischen Nachrichtenblatt angefragt, ob dort nicht Interesse an einem Artikel in der Art "Archäologie in der Wikipedia" Interesse bestünde. Keine 24 Stunden und ich hatte meine sehr positive Antwort. Mein Beitrag erscheint noch im vierten und damit letzten Heft in diesem Jahr. Ebenso wie ein Bericht über die Organisation der Geschichtswissenschaft in der WP in einem Sammelband in diesem Monat in einem Buch im Steiner-Verlag. In den beiden letzten Semestern war ich bei Veranstaltungen der Geschichtswissenschaft (Uni Köln und HU Berlin) zur Wikipedia als "Fachmann" zu Gast. Der Wille in der akademischen Welt zur Annäherung ist nicht überall vorhanden. Aber er wird größer. Das liegt sicher auch daran, daß die durchschnittliche Qualität mittlerweile nicht schlecht ist. Aus dem altertumswissenschaftlichen Bereich kann ich sagen, daß mittlerweile viele Artikel den Kleinen wie auch den Neuen Pauly in die Tasche stecken oder dasselbe Niveau haben. Und diesen Weg der Professionalisierung (meint Qualität der Arbeit, nicht die Qualifikation der Mitarbeiter) müssen wir wirklich weiter gehen.
@Marcus Cyron: Irgendwie steh ich noch immer auf dem Schlauch, inzwischen leicht verzweifelt. Ich finde es klasse, dass du mit deiner WP-Arbeit solchen Erfolg hast, auch ausserhalb der WP. Echt, genau so sollte es sein! Aber ich sehe nicht, wo deine Ausführungen meinen Gedanken widersprechen. Verlangen deine Erfahrungen nach einem wissenschaftlicheren System Wikipedia? Verlangen sie nach Identiätskontrollen der Autoren oder ähnlich? Dein Satz "meint Qualität der Arbeit, nicht die Qualifikation der Mitarbeite" fasst eigentlich alles bestens zusammen, was ich sagen will. Nur, dass er als Widerspruch zu meinem Gedanken formuliert wurde. Hm, eigentlich dachte ich, mein kleiner Gedanke sei ganz simpel. Offenbar ist er es nicht, wenn ich es nicht schaffe, ihn verständlich zu formulieren.
Ich glaube, unsere Sicht dessen was wissenschaftlich ist ist einfach unterschiedlich. Zumal es hier auch nicht um "meine" Erfolge gibt, sondern um die Wahrnehmung der Wikipedia in der "akademischen Welt". Dort wird sie durchaus zumindest in Teilen als wissenschaftlich anspruchsvoll angesehen. Bis zu einem gewissen Punkt können wir das auch erreichen. Wir sind in der Lage der Wissenschaft ein wissenschaftlich taugliches Nachschlagewerk zu liefern ohne den Anspruch für alle zu sein aufgeben zu müssen. Quasi ist die Eierlegende Wollmilchsau möglich. Sie existiert noch nicht. Aber es kann Ziel und Anspruch sein. Die Verbindung beider Welten. Aber vielleicht verstehe ich dich ja auch falsch.
Artikel, die qualitativ wissenschaftliches Niveau erreichen, sollten das Ziel sein, ist ja klar. Was die Wissenschaft dann damit macht, ist eine spannende Frage (wie ich im ersten Blog-Beitrag schrieb: über die Nutzung der WP zu diskutieren, finde ich spannend). Mir ist auch klar, dass sich wissenschaftliche Amateure in der Wikipedia das notwendige akademische Know-How holen können, um qualitativ hochwertige Inhalte schreiben zu können. Ich wäre aber dagegen, das System Wikipedia der Wissenschaft anzupassen, wo das für das Zielpublikum Öffentlichkeit von Nachteil wäre. Also: Wenn es nach mir geht, kein Zwang zur Klarnamennennung, geringe Einstiegshürden, keine akademische Sprache. Mir ist auch klar, dass das Peter Haber in seinem Radio-Interview nicht gefordert hat, gegen seine Antworten habe ich gar nichts einzuwenden. Alleine: Die Diskussion darüber, weshalb die WP nicht in der Wissenschaft verwendet werden kann (und dass sie nicht verwendet werden kann, sag nicht ich), die finde ich müssig.
Merci für diese spannenden Beiträge, werde auf hist.net dann versuchen, wieder eine Zusammenfassung zu machen, ich denke, da werden ganz entscheidende Fragen diskutiert.
@Marcus Cyron: Wo genau wird der Text erscheinen? Habe in der Vorschau von Steiner nichts gefunden. Oder gibts schon einen Preprint ...?
Peter Haber
Hallo,
Der Beitrag soll dort erscheinen: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=7686 Angedacht war, daß das Buch im August erscheint, offenbar nun aber doch nicht. Du wirst hier aber wohl eher nicht wirklich etwas neues finden. Es ist pure, subjektive Innensicht von mir auf den Bereich. Ist auch nicht Forschung, sondern ein Beitrag im Bereich "Berichte aus der Praxis". Die Veranstaltung an der HU, die der Co-Herausgeber des Buches, Alexander Schug durchgeführt hatte, ging in etwa dieselbe Richtung. Ein wenig schade finde ich es, daß ich offenbar weder ihn noch Nicola Kowski von der Uni Köln dazu bringen konnte, sich mit euch und dem jeweils anderen mir bekannten Dozenten kurz zu schließen. Echter Gewinn wird aus diesen ganzen Projekten wohl erst dann gezogen, wenn sich die Praktiker an den Universitäten und Forschungseinrichtungen austauschen.
Ich glaube, der Beitrag im Archäologischen Nachrichtenblatt (wenngleich natürlich Archäologie nicht Geschichte ist), halte ich für mittlerweile ergiebiger. Sicher ist auch hier nicht viel Neues für einen Fachmann, aber beide Beiträge richten sich ja nicht zuletzt an Personen, die mit der Wikipedia bislang noch nicht so viel zu tun hatten. Ich wette, beide werden von euch als zu positivistisch gesehen ;).
Ich bitte, mir das selbst für meine Verhältnisse gruselige Deutsch nah zu sehen, ich stecke gerade in einem Umzug.
Für mich bezeichnen "akademische Wikis" Umgebungen, in denen (beruflicher, nicht nur akademischer) Expertise eine besondere Rolle zukommt. Das ist bei Wikipedia auch nach der Einführung von FlaggedRevisions and evtl. WikiTrust nicht gegeben. Daher halte ich Initiativen wie Scholarpedia, Citizendium oder Encyclopedia of Earth für sehr sinnvoll und beteilige mich an ihnen. Sollten diese Experimente allesamt misslingen (was ich nicht erwarte), könnten sie immerhin helfen, Bedingungen zu schaffen, um Experten besser in die Wikipedias einzubinden.
Allerdings gibt es einige Themenbereiche — gerade in der Popkultur — wo es schwer ist, allgemein akzeptable Masse für Expertise zu finden. Für diese werden allerdings auch selten Referenzen im akademischen Sinne oder in anderen professionaellen Zusammenhängen gebraucht, und so ist Kompatibilität mit einer wie auch immer defnierten Expertise dort nicht von großer Bedeutung.
ber gerade Citizendum hat doch gezeigt, daß es am Ende doch nicht funktioniert. Dort schreiben doch wieder Nichtfachleute über ihre Nichtfachgebiete. Und nur weil es Akademiker sind, soll das besser sein? Zumal in der Wikipedia ein gut Teil Akademiker mit schreibt. Weiterer Minuspunkt - all das ist nicht Multilingual. Was nutzt mir Citizendum, wenn mein Englisch nur bedingt gut ist? Und was nutzt es, wenn es in einer Zeit, in der in früherer Zeit ein ganzer Brockhaus neu verfasst wurde, ein paar tausend Artikel entstanden sind? Nein, tut mir leid - das ist für mich in keiner Weise überzeugend. Citizendum sehe ich ebenso wie die vermeintlich bessere Wikipedia auf Deutsch, Wikiweise, als komplett gescheitert. Bei letzterem, wo eben nicht jeder "kleine Mist" beschrieben werden sollte, schlugen zuletzt ab und an unzufriedene Wikipedianer auf, die aber ihrerseits auch nur zu ihren Spezialgebieten schrieben und so eine massive Schieflage am Inhalt verursachten. Und die allgemeinen Artikel, die dort verfasst wurden sind zum Teil qualitativ äußerst fragwürdig, da es eben keine Fachleute in größerem Umfang gibt. Abgesehen von Spezialwikis glaube ich nicht, daß sich neben der Wikipedia in der nächsten Zeit allgemeine Lexika etablieren können. Darum ist es ja so wichtig, diese auf ein möglichst hohes Niveau zu bringen. Und vielleicht wäre es sinnvoll, daß man auch in Akademikerkreisen endlich mal einsieht, daß das Ziel hier wichtiger als der Beitragende ist.
@Daniel Mietchen. Danke für deinen Kommentar. Wie Marcus Cyron kann ich deinen Auswührungen nicht zustimmen. Nur, weil bei der WP die nicht-akademischen Autoren nicht von den akademischen Autoren getrennt werden, also jeder mitschreiben kann, heisst das noch lange nicht, dass die Inhalte deswegen schlechter sind. Wer mal eine Weile bei der WP mitschreibt verliert rasch solche Vorurteile. Nicht das System muss akademischer werden (also z.B. Beschränkungen auf akademische Autoren), sondern der Inhalt muss optimiert werden. Das ist nicht dasselbe. IMHO.
@Nando Stöcklin Ich hatte die Qualität einzelner oder bestimmter Einträge bei Wikipedias und Citizendium in meinem vorigen Beitrag überhaupt nicht kommentiert, noch gefordert, dass nur Akademiker mitschreiben dürfen. Mein Punkt war nur, dass Raum da sein sollte, um Expertise sinnvoll zu nutzen. Die von mir erwähnten Alternativen zu Wikipedia bieten das alle, jeweils auf ihre Weise (wie auch einige Projekte der Wikipedias). Bei Citizendium darf zum Beispiel jede(r) zu jedem Thema mitschreiben, nur der "Approval" ist denjenigen vorbehalten, die sich in einem gewissen Rahmen für andere erkennbar mit dem Thema auskennen.
@Marcus Cyron Das Problem ist nicht, dass es Artikel im Wikipedia-System nicht auf hohe Niveaus schaffen, sondern dass sie da von jedem wieder runtergeholt werden koennen. Dagegen haben die anderen Wikis Barrieren eingebaut. Ob sie letztlich überleben oder nur zur Verbesserung der Wikipedia beitragen, kann ich nicht vorhersagen, und angesichts der CC-Lizensierung (Ausnahme: Scholarpedia) ist das auch kein kritischer Punkt für das im Netz gesammelte Wissen.
Die Kombination aus Qualitätssicherung und Multilingualität in Wiki-Umgebungen ist eine Herausforderung, für die mir noch kein gutes Konzept begegnet ist. Da finde ich es legitim, die genannten Experimente zunächst einmal mit der im Berufsleben (auch, aber nicht nur im akademischen) weltweit momentan wichtigsten Sprache anzugehen.
In der Wikipedia gibt es mittlerweile ja auch immer mehr Vorrichtungen gegen so etwas, zuletzt wurden ja die Gesichteten Versionen eingeführt. Von der "Eingangskontrolle" gar nicht zu reden. Ja, Fakt ist, es kann in der Wikipedia Unsinn stehen. Fakt ist aber auch, daß der immer seltener ist. Das ist mittlerweile gar nicht mehr das Problem. Ein echtes Problem sind eher Altlasten von schlechten Artikeln. Aus der praktischen Erfahrung von 4 1/2 Jahren kann ich immerhin in Fragen des äußeren Vandalismus Konstatieren, daß dieses Problem mittlerweile verschwindend gering ist. Und was Änderungen an Artikeln angeht - nunja, das ist eben das Grundprinzip der Wikipedia. Ich kenne Akademiker, die gerade das besonders schätzen. Vielleicht erwarten wir auch Jeweils von der "anderen Seite" zu viel. Es [akademische Texte, Wikipedia-Artikel] sind zwei verschiedene Textsorten und Publikationsformen. So sollten wir sie auch behandeln. Letztlich sind beide Formen wichtig. Ich möchte auf meine Fachliteratur nicht verzichten. Auch nicht, daß diese nun anders erstellt wird. Aber es muß eben akzeptiert werden, daß sich hier ein Paradigmenwechsel eingestellt hat, der nun auch zu einer neuen Publikationsform führt, die weder besser noch schlechter ist - sondern anders. Und vielleicht sind die Änderungen danach ja wirklich Verbesserungen, auch wenn man es nicht immer wahr haben will (auch selbst lerne das täglich aufs Neue ;)).
@Marcus Cyron Das Wiki-Modell der ständigen Aktualisierbarkeit befürworte ich ausdrücklich auch in akademischem Kontext — wenn die Berechtigung zur "Sichtung" von Versionen irgendwie mit Ahnung vom jeweiligen Thema verbunden werden könnte. Ich weiß dass viele Sichter (zumindest auf .de) nicht nur nach reinem Vandalismus, sondern auch nach Link-Spam oder Tippfehlern gucken, aber sie können inhaltliche Änderungen sicher längst nicht immer auf ihre Güte einschätzen, auch nicht mit Googles Hilfe (Beispiel von gerade eben).
Übrigens: Wenn du "in der Wikipedia" sagst, meinst du dann die deutsche? Von einer Wikipedia jedenfalls würde ich nicht unbedingt auf andere schließen, und Citizendium muss nun mal vorerst primär mit der englischen verglichen werden. Die deutsche erscheint mir in Sachen Qualitätsmanagement recht fortgeschritten unter den Wikipedias, die ich besser kenne, aber auch hier gibt es für meine Begriffe noch zu viel Unsinn, und ich verwende meine Zeit lieber auf inhaltliche Arbeit als auf Spambekämpfung.
Nochmal zurück zur abschließenden Frage von Nando: "Es wäre aber in der Tat interessant, sich mal Gedanken zu machen, wie die optimale Ausgestaltung des Systems Wikipedia aussehen würde, wenn es sowohl der akademischen Welt als auch der breiten Öffentlichkeit in möglichst größtem Ausmaß dienlich sein sollte, allerdings im Zweifelsfall immer auf die Zielgruppe Öffentlichkeit fokussiert."
Ich denke, gerade die Verlinkung der Art [[Link zum Fachterminus|allgemeinverständliche Umschreibung]] eröffnet neue Möglichkeiten der Kommunikation zwischen denjenigen, die sich mit einem Thema auskennen und denen, die sich einfach nur dafür interessieren oder gar nur zufällig darüber gestolpert sind — insbesondere, wenn jeder Fachbegriff auf seiner Seite allgemeinverständlich erklärt wird. Das hilft nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch Spezialisten mit anderer Ausrichtung, und bei vorhandener adäquater Begriffsklärung kann eine Verlinkung zu der tatsächlich gemeinten Bedeutung wohl so manche Diskussion versachlichen.
Richtig, es ist ein Problem, daß viele Sichter in der Eingangskontrolle nicht wirklich Fachleute sind - wie aber auch? Selbst wenn sie ein Spezialgebiet haben, man kann nicht in allem firm sein. Das Problem ist mittlerweile sogar eher, daß gute Änderungen revertiert werden, seltener daß Unsinn gesichtet wird.
Und ja klar, ich meine die Deutschsprachige Wikipedia, kenne allerdings auch die Englischsprachige ein wenig. Und hier würde ich die Kritik sogar zu einem gut Teil teilen. Das ungerechte ist leider, daß alle Kritik an der englischen auch immer auf "uns" zurück fällt, egal wie falsch es ist.
Auf Nandos Frage habe ich leider keine Antwort. Mich fängt derzeit mal wieder die Praxis - und hier der Verlust von Fachleuten, weil ein paar Amateure mittlerweile schon fast Jagd auf einzelne Fachbereiche machen. Eine erschreckende Entwicklung, die an die in der englischen Wikipedia erinnert. Und hier müssen wir unbedingt gegen vor gehen. Für mich ist eine deutschsprachige Wikipedia die zur Beliebigkeit verkommt eine schreckliche Vorstellung.
Marcus schrieb: "Das Problem ist mittlerweile sogar eher, daß gute Änderungen revertiert werden, seltener daß Unsinn gesichtet wird."
Ja, aber auch das ist Unsinn, und aus Sicht der Experten wohl noch schlimmer, denn wenn sie sich Zeit nehmen, um Artikel zu verbessern, erwarten sie auch, dass diese als Verbesserungen (an)erkannt werden (was sie vermutlich oft auch sind) und zumindest in der groben Richtung beibehalten. Wenn das nicht der Fall ist, stellt sich ganz schnell die Frage, warum man dann sein Fachwissen ueberhaupt einbringen sollte. Genau diese Art von Problemen sind bei den von mir genannten Alternativ-Projekten wesentlich seltener, und daher wuerde es sich aus Sicht der auf Qualitaetssicherung und -verbesserung bedachten Wikipedianer (und das sind sehr viele) lohnen, sich diese Entwicklungen genau anzuschauen und daraus zu lernen, statt immer nur verbal auf sie einzudreschen (wie du es beispielsweise in deinem zweiten Kommentar hier gemacht hast). Ob die "Experten-gesichteten" Versionen langfristig auf diesen Plattformen liegen, auf voellig neuartigen (Google Wave waere ein aktueller Kandidat fuer eine interessante Architektur) oder einfach nur in einem "Expert Reviewed" tab in Wikipedia, ist dem Nutzer sicherlich relativ egal.
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