29.8.09

Akademische Wikipedia?

Peter Haber war am Donnerstag in einem sehr hörenswerten längeren Gespräch auf Radio DRS 2 zu hören. Er gab fundiert und überlegt Auskunft zu Fragen rund um Wissenschaft (mit Schwerpunkt Geschichtswissenschaft) und Wikipedia. Dazu gibt es jede Menge spannende Fragen, besonders zur sinnvollen Nutzung der Wikipedia. Peter Haber brachte es mit einer schönen Aussage auf den Punkt. Hier sinngemäss seine Worte:
»Wikipedia ist als Einstieg in einen Rechercheprozess sehr geeignet. Unklar ist, wann man aussteigen soll.«
Etwas schade, dass das Gespräch dann abschweifte zum leidigen Thema, wie wissenschaftlich die Wikipedia ist. Da wird meiner Meinung nach versucht, zwei Dinge zusammenzubringen, die nicht zusammen passen und bei denen es auch keinen Sinn machen würde, sie zusammenzubringen. Auch wenn beispielsweise die Wikipedia künftig Identitätskontrollen der Autoren durchführen und die Klarnamen der Autoren nennen würde: Die Wikipedia wäre noch immer nicht wissenschaftlich. Das kann sie fast per Definition nicht sein. Sie ist eine Enzyklopädie und sammelt als solche gesicherte (wenigstens gemäss aktuellem Wissensstand) Informationen. Sämtliche Informationen müssen an anderen Orten publiziert oder sonstwie nachprüfbar sein. Wikipedia ist ein Dienst für die Öffentlichkeit, kein Dienst primär für Akademiker. Wir sollten die Welt der Wissenschaft und die Welt der Öffentlichkeit deutlich auseinanderhalten. Ich glaube auch nicht, dass Fachlexika wie beispielsweise das Historische Lexikon der Schweiz einen Beitrag leisten können, die beiden Welten zusammenzuführen. Letzlich sind auch solche Fachlexika, die nach klar wissenschaftlicheren Prinzipien funktionieren, für wissenschaftliche Zwecke bloss für den Einstieg sinnvoll nutzbar. Ich gehe deshalb auch nicht mit Peter Haber einig, dass sich vertikale Fachlexika durchsetzen werden und horizontale Nachschlagewerke wie die Wikipedia es nicht schaffen werden, das "Wissen der Welt" zu sammeln. Wir werden sehen ;-)

Interessant hingegen ist der Gedanke, einen ähnlichen Dienst wie die Wikipedia für die Wissenschaft aufzubauen. Das sehe ich aber nicht realistisch, solange die Wissenschaft gemäss dem Prinzip Publish or Perish funktioniert. Sollten einmal die Leistungen des einzelnen Wissenschaftlers weniger im Zentrum stehen, liesse sich ein kollaboratives Web-Projekt für die Wissenschaft gewinnbringend für alle etablieren.

Das Gespräch mit Peter Haber kann hier angehört oder heruntergeladen werden.

Kommentare:

kg hat gesagt…

http://archiv.twoday.net/stories/5910041/

Nando Stöcklin hat gesagt…

Offenbar habe ich meinen Diskussionsbeitrag unklar formuliert. Mir geht es nur um eines: Ich halte nicht viel davon, die Wikipedia "wissenschaftlicher" zu machen. Die Wikipedia hat nicht den Anspruch, wissenschaftlich zu sein und das scheint mir sinnvoll. Selbstverständlich dürfen Inhalte aus der Wikipedia zuweilen auch zitiert werden. Das habe ich beispielsweise in meinem Beitrag für die Lernende Bibliothek (www.lernendebibliothek2009.ch) ausgeführt.

sensiblo chamaeleon hat gesagt…

Was heisst schon akademisch? der Gutti-Knopf Strg-C ? Der Traum vom akademischen Internet jedenfalls scheint unerfüllbar. Zwischen Schaufensterpuppen, Sockenpuppen, Sklavenzoo, Piranhabecken und mangelhaft abgesicherten Abenteuerspielplätzen hebt sich ein streng administriertes Mitdiskutier-Lexikon namens Wikipedia hervor, dessen abschreckende Regelwerke denen einer Akademie vielleicht ähneln, auch wenn sie eine ganz eigentümliche Begrifflichkeit aufweisen: http://sensiblochamaeleon.blogspot.de/2013/02/zur-situation-von-wikipedia.html