Haben die Trendforscher recht, und für mich macht das Sinn, befinden wir uns nun im Wandel von der Buchkultur zur ICT-Kultur. Bei einem Wandel leben die neue und alte Kultur für eine Übergangszeit mehr oder weniger friedlich nebeneinader, bis sich die beiden Kulturen zu sehr auseinander entwickelt haben und die neue Kultur die alte bedroht. Ein paar Scharmützel hat der derzeitige Leitmedienwandel schon hinter sich, die Wikipedia hat sich unfreiwillig als Vertreterin der ICT-Kultur beteiligt. Im grossen betrachtet hat sie alleine durch ihre Arbeit in 10 Jahren so ziemlich die ganze Enzyklopädie-Branche zerstört. Zwar haben die Hersteller der Print-Enzyklopädien ihre Produkte ins Internet verlegt, allerdings nicht der ICT-Kultur angepasst. Im kleinen hat beispielsweise der damalige deutsche Bundestagsabgeordnete Lutz Heilmann die Wikipedia im Jahr 2008 gerichtlich sperren lassen, weil ihm Aussagen im Wikipedia-Artikel über ihn selbst nicht gefallen haben. Der Vertreter der Buchkultur verstand die ICT-Kultur nicht und musste seinen Angriff erfolglos einstellen. Ein Jahr später wurde er nicht wieder in den Bundestag gewählt.
Nun scheint der Konflikt zwischen den beiden Kulturen eine nächste Stufe erklommen zu haben. Es geht nicht mehr um die Zerstörung der Enzyklopädien (oder der Videotheken, usw), sondern um die Zerstörung unserers Finanzsystems und der jetzigen Weltordnung. Der Angriff auf die Buchkultur führt diesmal die Whistleblower-Website Wikileaks (die immer wieder mit der Wikipedia verwechselt wird, was für die Wikipedia zu unangenehmen Folgen führen kann). Wikileaks veröffentlicht seit dem 28. November Depeschen von US-Botschaften. Dies oder wohl eher die Ankündigung, anfangs 2011 Dokumente zu veröffentlichen, die für eine amerikanische Grossbank Enron-ähnliche Folgen hätten, lassen die Vertreter der Buchkultur, besonders in den USA, nervös werden und zum Gegenschlag ausholen. Mit den Mitteln der Buchkultur versuchen sie Wikileaks finanziell auszutrocknen und vom Netz zu nehmen. Alles in allem scheinen die USA ihrem neuen Gegner aber ziemlich ratlos gegenüber zu stehen. Das zeigt zum Beispiel auch die Forderung, Wikileaks solle die umstrittenen Dokumente zurückgeben.
Greift Wikileaks wirklich das Finanzsystem der Buchkultur an, wirds ernst. Entsprechend hat sich auch die Rhetorik verschärft. Von Cyberwar ist die Rede und von Infowar. In Amerika wird vor laufender Kamera zur Exekution von Julian Assange, dem Aushängeschild von Wikileaks, aufgerufen, obwohl noch nicht mal ein Gesetz gefunden wurde, gegen das Wikileaks verstösst.
Egal wie der Kampf von Wikileaks gegen die Vertreter der Buchkultur ausgeht, die Welt wird künftig anders aussehen. Neben Wikileaks wird mit Openleaks bereits an einer alternativen Whistleblower-Site gearbeitet. Auch andere Baustellen zeugen von der immer grösseren Kluft zwischen der alten und der neuen Kultur. Der Journalist Thomas Knüwer zum Beispiel prophezeit für 2011 eine "gewaltige Schlacht", "ausgehend vom Jugendmedienschutzstaatsvertrag".
Durchsetzen wird sich letztlich die neue Kultur - die Frage ist, wann und wie und zu welchem Preis.
[Update]: Weitere Beispiele der unterschiedlichen Ansichten der Vertreter der Buchkultur und jener der ICT-Kultur und die Folgen davon gibts aktuell in einem Artikel von Tim Hwang in The Washington Post. Stichworte sind GNU, Napster, BitTorrent., Pirate Bay. Folgendes Zitat beschreibt die Mechanismen sehr schön:
«Each round of conflict draws in additional supporters, from hackers to the growing numbers of open-government activists and everyday users who believe, more and more, that the radical openness of the Web should set the pattern for everything.»
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen